Rezension
Wenn der Schotte zunächst entschlossenen Schrittes durch die Ausstellung geht (die "Promenade"-Zwischenspiele sind auffällig straff), so offenbar nur, weil er von Spannung und Freude auf das nächste Bild getrieben wird: Schon vor dem des alten Schlosses erweist sich Steven Osborne als höchst aufmerksamer Beobachter mit viel Sinn für die Details des Bildes – und dieser Eindruck setzt sich fort. Doch nicht nur sein klarer Blick auf die Farben und Konturen bestechen: Man staunt immer wieder, wie er die Stimmung, die Atmosphäre des jeweiligen Bildes einfängt! Die absolute Leichtigkeit etwa der "Tuilerien" oder der "Küken in ihren Eierschalen", dagegen der tonnenschwere "Bydlo" oder das prachtvolle "Große Tor von Kiew": So kontrastreich, daß man kaum glaubt, in allen Stücken denselben Pianisten zu hören. "This may well be the most lucid and musicianly 'Pictures' on record", so das Resümee des "Gramophone"-Reviews von Bryce Morrison; dementsprechend stand die Aufnahme auch auf der damaligen Jahresbestenliste des Magazins. Wer übrigens meint, längst genug Aufnahmen zu besitzen: Erstens nein, zweitens gibt es hier noch eine gleichfalls ziemlich sagenhafte Aufnahme der vergleichsweise selten eingespielten "Vision fugitives" von Sergej Prokofieff; eine Sammlung von teils kaum einminütigen Klavierminiaturen, die eine höchst lyrische, ja impressionistische Seite des damals 24jährigen Komponisten zeigen. Auch hier ist das Stimmungsspektrum äußerst breit – und Osbornes Gestaltung nichts weniger als begeisternd! Fabelhaften Klavierklang kann man hier übrigens auch erleben (Mastering und Vinylschnitt von Sidney Claire Meyer / Emil Berliner Studios)! (2013/2026)





