Rezension
Orchester-Arrangements können kleben, im schlimmsten Fall auch die beste Stimme ersticken. Im besten Falle können sie aber eine Stimme auch umschmeicheln, buchstäblich in fast gewichtslose Schleier kleiden. Das gelang David Gray (als Pianist auch Teil des außerdem begleitenden Trios mit Bass-Genius Günter Lenz und dem dänischen Drummer Aage Tanggaard) hier in nachgerade beispielhafter Art. Wir schreiben das Jahr 1990; das NDR-Rundfunkorchester Hannover hatte die britische Vocal Jazz-Ikone zu einem Radio-Auftritt eingeladen, und die brachte Gray ins Spiel. Was der dann in nur drei Tagen mit dem Orchester (das er dann vom Klavier aus dirigierte) erreichte, zeigt sein Genie als Arrangeur (Thad Jones nannte den 1944 geborenen Musiker einst den besten seiner Generation). Winstone, damals Ende 40, war ihrerseits auf dem Zenit, Grenzen scheint es für diese Stimme nicht zu geben, vollkommen anstrengungslos gleitet sie durch die Songs. Was wir hier erleben, ist ein Großkunstwerk – daß es produziert wurde, um nur einmal im Rundfunk ausgestrahlt, allenfalls in irgendeiner spätnächtlichen Sendung vielleicht wiederholt zu werden, ist eigentlich unfaßbar. Irgendjemand hat sich nun aber an diese Sternstunde erinnert und sie aus dem Archiv ans Licht geholt – danke dafür. Daß ihre Veröffentlichung ausgerechnet auf den Tag fiel, an dem der große deutsche Bassist Günter Lenz mit 87 Jahren verstarb, ist einerseits tragisch. Aber vielleicht auch eine schöne letzte Ehrung einer echten Jazz-Legende. (2026)




