Rezension
Drei Hauptwerke des französisch-amerikanischen Avantgardisten, entstanden Mitte bis Ende der 1920er – die Musik ist also nun ziemlich genau ein Jahrhundert alt, wirkt aber immer noch neu und radikal. Wie sie auf das Publikum der Zeit gewirkt haben muß, kann man sich kaum ausmalen. "Intégrales", das älteste der drei Stücke, ist im Prinzip ein Vorgriff auf Varèses spätere elektronische Experimente, wiewohl kein derartiges Equipment verwendet wird (das Werk ist gesetzt für Bläser und Percussion). Doch hatte der Komponist hier begonnen, mit rückwärts laufenden Schallplatten (78er natürlich) zu arbeiten und diesen Effekt (und andere) hier mit "traditionellem" Instrumentarium hier imitiert. Leopold Stokowski leitete damals die Uraufführung – nur zu gut kann man sich vorstellen, wie der Sound-Effekt-Fetischist sich für Varèses Musik begeisterte! Jener war auch bei "Arcana" Geburtshelfer, ein vielleicht noch spektakuläreres Werk. Auch hier spielen Bläser und Schlagwerk die Hauptrollen, das Werk ist jedoch für großes Orchester gesetzt und die zusätzlichen Streicher sorgen für ein entsprechend weiteres Klangspektrum. "Ionisation" wiederum ist nur für Percussion-Ensemble komponiert und, wiewohl nur drei Jahre jünger, noch einmal ein wahrer Sprung in die Zukunft. Es ist das Werk, das etliche Jahre später einen Frank Zappa dazu inspirierte, die Musik zu seinem Beruf zu machen, womit eine Menge gesagt ist… Zubin Mehtas engagierte Aufnahme dieser drei Schlüsselwerke Neuer Musik aus dem Jahre 1972 ist nicht nur ein Repertoire-Schatz: Es ist auch in klanglicher Hinsicht einer der höchsten Gipfel des Decca-Katalogs, in Sachen Dynamik sowieso, legendär aber nicht zuletzt für seine Raumabbildung und Tiefenstaffelung. Toningenieur James Lock gebührt allein für diese Leistung ein Denkmal… Rainer Maillards neues Mastering mit der (freilich schon lange vergriffenen) 1997er Speaker Corner-Ausgabe zu vergleichen, dürfte spannend sein! (1972/2026)






