Rezension
[Text: Sieveking Sound]
Der strapaziöse Tourneeplan von Van Halen – gepaart mit der Produktion von vier LPs in vier Jahren – veranlasste die US-amerikanische Rockband dazu, sich eine Auszeit zu nehmen. Die Pause dauerte jedoch nicht lange. Sänger David Lee Roth war der Meinung, dass man den Wunsch des Plattenlabels nach neuer Musik stillen könnte, indem man „Dancing In The Street“ von Martha & The Vandellas covern und als Single veröffentlichen würde. Gitarrist Eddie Van Halen, der nicht einfach nur den Song eines anderen Künstlers kopieren, sondern ihn transformieren wollte, schlug Roy Orbisons „(Oh) Pretty Woman“ vor, als ihm kein passender Riff für den Motown-Song einfiel. Fall abgeschlossen? Nein, ganz und gar nicht: Als die Van-Halen-Interpretation des Orbison-Klassikers die Billboard-Charts stürmte und bis in die Top 15 kletterte, teilte Warner Bros. der Band mit, dass ein ganzes Album nötig sei, um die große Nachfrage zu befriedigen. So ging das Quartett mit Ted Templeman nach Los Angeles, um in den Sunset Studios und Warner Bros. Recording Studios, zwischen Januar und März 1982 – in nur 12 Tagen –, das fünfte Studioalbum einzuspielen. Soviel zur Entstehungsgeschichte von „Diver Down“, das noch im gleichen Jahr veröffentlicht wurde, sofort auf Platz drei der US-Charts schoss, und weltweit über vier Millionen Tonträger verkaufte!
Van Halens Erfolgsgeschichte mit Cover-Songs lässt sich bis zu ihrem diamantenen Platin-Debüt von 1978 zurückverfolgen. Der ambitionierte Ansatz, der die Vielseitigkeit, Kreativität, das Flair und die Spielfreude der Band zur Geltung bringt, steht auf „Diver Down“ mehr denn je im Vordergrund. Das Album wartet mit fünf mitreißenden Coverversionen auf, von denen drei zu großen Radiohits wurden: die energiegeladene Interpretation des Kinks-Songs „Where Have All The Good Times Gone!“ die Barbershop-Quartett-Parodie von „Happy Trails“ – im Original von Dale Evans – und natürlich „Oh, Pretty Woman“. Zwischen diesen Tracks findet sich ein Sammelsurium aus extrem verpspielten Stücken. Nehmen wir zum Beispiel das bedrohliche „Intruder“, geschrieben von Roth am Synthesizer und getragen von Eddie Van Halen, der die Tremolo-Bar seiner Gitarre dreht und eine Dose „Schlitz“ gegen die Saiten reibt, während es kräftig feedbackt. Oder das visionäre „Little Guitars (Intro)”, in dem Eddie Van Halen eine Nylonsaitengitarre spielt und eine klassisch geprägte Flamenco-Technik nachahmt, indem er mit der rechten Hand schnell die hohen Saiten tremolo-pickt und mit der linken Hand Hammer-ons und Pull-offs auf dem Gitarrenhals orchestriert. Immer einen Schritt voraus, komponierte der wegweisende Instrumentalist „Cathedral“ lange vor den Aufnahmen zu „Diver Down“. Er passte es für die Platte an, indem er die Noten mit der linken Hand auf dem Griffbrett fingerte und gleichzeitig mit der rechten Hand den Lautstärkeregler auf und ab drehte. Letzteres führte schließlich dazu, dass der Regler am Ende des zweiten Takes klemmte, doch der beabsichtigte Effekt – ein Stück, das dem Klang einer Kirchenorgel ähnelte – wurde erfolgreich eingefangen.
Die im kalifornischen Studio von MoFi liebevoll remasterte Neuauflage von „Diver Down“ präsentiert diesen Rock-Klassiker mit enormer Realitätsnähe, ungebremster Dynamik sowie maßstabsetzender Klarheit und Detailverliebtheit. Die streng nummerierte Hybrid-SACD – verpackt in einer qualitativ hochwertigen Klapphülle im Mini-LP-Stil – bringt die Arbeit von Ted Templeman, zum Strahlen. „Diver Down“ bietet mit der Hybrid-SACD von MoFi mehr Gute-Laune-Feeling denn je – drehen Sie den Lautstärkeregler voll auf!
Titel
1. Where Have All The Good Times Gone!
2. Hang ‘Em High
3. Cathedral
4. Secrets
5. Intruder
6. (Oh) Pretty Woman
7. Dancing In The Street
8. Little Guitars (Intro)
9. Little Guitars
10. Big Bad Bill (Is Sweet William Now)
11. The Full Bug
12. Happy Trails






