Rezension
Schuberts "Winterreise": Vielleicht der größte und tiefste Liederzyklus in der klassischen Musik. Wer diese Musik, noch dazu rein instrumental, in ein Jazz-Idiom überführen will, braucht ein Maximum an Sensibilität und Werkverständnis. Und genau das geschieht hier: Michael Wollny, allein am Klavier, taucht zwar in dieselbe kalte Winterlandschaft ein wie Schuberts Protagonist, macht sich aber seine eigenen Gedanken dazu – immer wieder durchsetzt von fragmentarischen Elementen der Originalmusik, manchmal sanft an die Oberfläche kommend, manchmal unvermittelt auftauchend. Gelegentlich landet Wollny bei seinen Meditationen auch ganz woanders, etwa bei Kate Bush oder bei Björk, ein Bruch mit dem Grundthema findet dabei aber niemals statt. Es ist ein Großwerk über Einsamkeit, Abschied, Trennungschmerz und Sinnsuche, welches Wollny hier erschuf: Dem "Original" gerecht werdend, den langsam im Schnee verschwindenden Spuren von Wilhelm Müllers (auf dessen Gedichten Schuberts Zyklus beruht) Wanderer folgend, aber absolut eigenständig – und kaum weniger berührend. (2026)





