Rezension
Sam Shepherd nennt Claude Debussy, Olivier Messiaen und Bill Evans als konkrete Einflüsse, er nahm ein Album mit Pharoah Sanders auf und tourte mit The XX; nicht zu reden von seinen Remix-Arbeiten: Der Mann, der sich den Moniker Floating Points gab, ist ein außergewöhnlicher Musiker, für den Genregrenzen schlicht nicht existieren. Mit dieser Auffassung wurde Shepherd zu einem der wichtigsten Köpfe auf dem Gebiet der Elektronischen Musik. Nun hat er erstmals eine, nun, klassische Partitur geschrieben – für Symphonieorchester und Elektronik. Aszure Barton, Choreograph des Balletts von San Francisco, beauftragte Shepherd mit dem Score zu einem Ballett, das auf dem Pandora-Mythos beruht, aber auch die Möglichkeiten und Gefahren Künstlicher Intelligenz thematisiert. Shepherd schuf dazu Musik, bei der es fast unmöglich ist zu sagen, wo der Mensch (also die Orchesterinstrumente) aufhört und die Maschine beginnt. Seine Instrumentierung zeugt von einem tiefen Verständnis des Orchesterapparats und seiner Möglichkeiten; die Klangfarben, die bei der Mischung desselben mit Shepherds Gerätepark entstehen, sind außergewöhnlich. Begegnungen dieser beiden Klangwelten sind zwar schon lange nichts Neues mehr, aber meist ist das Orchester dabei kaum mehr als ein Effekt für mehr Pathos; hier entsteht etwas gänzlich anderes. Natürlich gibt es Passagen, die eigentlich das Geschehen auf der Bühne brauchen – das war schon bei Tschaikowskys Balletten so. Aber sie sind rar: "Mere Mortals" dürfte sich schon bald als ein Hauptwerk zeitgenössischer Musik erweisen. (2026)




