Rezension
Bitte den Text zu Ende lesen – warum das vorausgeschickt werden muß? Weil die französische Cellistin hier neben ihrem eigenen zwei von ihrem Ehemann Marius Atherton gespielte Instrumente zum Einsatz kommen läßt, bei deren Erwähnung Klassik-Puristen zum Weiterblättern neigen: Elektrische Gitarre und, womöglich noch schlimmer, Synthesizer. Nun dürfen wir uns bei Wieder-Atherton natürlich darauf verlassen, daß es hier weder um Rondo Veneziano-Terrain noch sonst irgendeine Form von "Verpoppung" geht. "Or" (das hebräische Wort für Licht) ist ein Album mit klassischer Musik, genauer (und korrekter) Barockmusik. Ein Konzeptalbum, mit einer Nacht- und einer Tagseite. Erstere besteht aus Bearbeitungen von François Couperins Motettensammlung "Leçons de ténèbres"; Synthesizer und E-Gitarre – beide so dezent wie geschmackssicher eingesetzt – ersetzen gewissermaßen Orgel bzw. Cembalo, wurden aber bewußt gewählt, denn ihr spezifischer Klang, insbesondere in Verbindung mit der Raumakustik der mittelalterlichen Abtei, die Wieder-Atherton für die Aufnahme auswählte, ist eben doch ein anderer, verstärkt hier die mystisch-dunkle Wirkung. Und man kommt nie, wirklich nie, auf den Gedanken, das "unzeitgemäße" Instrument habe in dieser Musik nichts zu suchen: Diese Bearbeitung ist so legitim wie jede andere; das "Original" ist ja ohnedies ein Vokalwerk. – Für den "Tag"-Teil wählte Wieder-Atherton Musik von Vivaldi aus, sie stammt aus Opern und Violinkonzerten. Die Arrangements für ein bis zwei Celli (sie spielt beide Stimmen) stammen abermals von ihr selbst und faszinieren nicht weniger. Hier kommen erst gegen Ende wieder "Fremdinstrumente" hinzu – im letzten Stück gespielt vom legendären französischen Perkussionisten Dominique Mahut, mit dem die Cellistin schon früher zusammengearbeitet hat: Spannendes Finale eines ganz und gar außergewöhnlichen Albums! (2026)






