Rezension
Sie ist bekannt und berüchtigt als der sperrigste Brocken in der Mahlerschen Symphonik, so komplex in ihrer Tonalität (über die reihenweise musikwissenschaftliche Artikel geschrieben wurden) wie in der Instrumentierung, die neben dem seltenen Tenorhorn gleich zu Beginn u.a. ein nahezu absurdes Sammelsurium von Perkussionsinstrumenten sowie Gitarre und Mandoline verlangt. Auch die emotionale Bandbreite ist gewaltig, vom gespenstischen Scherzo bis zu fast übertrieben wirkender Euphorie. Die Katastrophen in Mahlers Leben brachen erst nach dem grundsätzlichen Abschluß der Komposition herein (der Tod seiner Tochter, seine eigene Herzerkrankung), doch nahm er bis zur Prager Uraufführung im Jahre 1908 noch einige durchaus einschneidende Änderungen vor. Dirigent Paavo Järvi, der das "Ungetüm" bereits an die dritte Stelle seines Mahler-Zyklus' setzt, gibt selbst zu, mit dem schwer zu entschlüsselnden Werk lange gefremdelt zu haben – inzwischen handele es sich aber um seine Lieblingssymphonie, womit sich der alte Spruch "per aspera ad astra" mal wieder bewahrheitet. Die Widersprüchlichkeit, das Spannungsverhältnis von Nacht und Tag bzw. einem diffus-dunklen Traumzustand und heller, zur Teilnahme zwingender Realität wird in dieser Aufnahme geradezu perfekt ausgeleuchtet, man darf den Ausdruck durchaus wörtlich nehmen: Tatsächlich hat man die schwierige Partitur selten präziser dargestellt bekommen. Der abschließende Sieg des Lichtes wird in der Werkdiskographie höchst unterschiedlich behandelt, natürlich kann man das auch ironisch, ja sarkastisch gebrochen interpretieren. Wahrscheinlicher aber ist, daß Mahler hier tatsächlich mal nicht doppelbödig ist. Järvi jedenfalls läßt das (abermals phantastisch agierende!) Tonhalle-Orchester hier nicht strahlen, sondern gleißen… (2026)






