Rezension
Auch 20 Jahre später scheint es kaum möglich, Amy Winehouses zweites Album unabhängig von ihrer skandalträchtigen, tragischen Persönlichkeit zu betrachten: Für die Boulevardpresse war sie damals mindestens so wertvoll wie Pete Doherty, und der größte Hit des Albums, "Rehab", verhandelt auch noch ihre Weigerung, ihr massives Alkoholproblem therapeutisch behandeln zu lassen, was angesichts ihres suchtbedingten Todes vier Jahre später erst recht schwer im Magen liegt. Doch diese fragile Seele war mit einer der großartigsten Stimmen nicht nur ihrer Generation begnadet, und so gerne hätte man sie eines Tages auch Jazz singen gehört, denn schon hier schlug sie Brücken von Billie Holiday über Sarah Vaughan bis Aretha Franklin, nahm das Girl Group-Genre (Ronettes, Shangri-Las) noch im Vorbeigehen mit und verband alles mit aktuellen R'n'B- und Hip Hop-Tendenzen. Doch nicht nur die Stimme, auch das Songwriting-Talent bleibt beeindruckend: Kaum ein Song, der nicht als Single-Auskopplung geeignet wäre. Und auch hier merkt man, wie aufmerksam die junge Amy einst die Jazzplattensammlung ihrer Eltern hörte. Daß dieses Meisterwerk ohne echten Nachfolger blieb, ist eine der großen Tragödien der jüngeren Popgeschichte. – Neupressung auf "blackboard marble vinyl", also blau-schwarz marmoriert. (2006/2026)






