Rezension
Solti oder Karajan? Es ist eine Art Glaubensfrage – wobei (wie so oft in solchen Dingen) man keiner Partei eindeutig Recht geben möchte, weil keiner falsch liegt: Beide Ansätze sind durchdacht, begründet und funktionieren. Wer seinen Wagner gerne möglichst dynamisch und dramatisch hat, ist mit dem klassischen Decca-Ring besser bedient; Soltis Pionierleistung bleibt in diesen Punkten Referenz, klanglich bekanntlich sowieso. Für Karajans 1968er "Rheingold" ist die Besetzung des Wotan mit dem Lied-Sänger Dietrich Fischer-Dieskau geradezu symbolisch: Hier geht es um das lyrische Element bei Wagner, das sehr viel ausgeprägter ist, als mancher es wahrhaben will, es geht um Zwischentöne und um Charakterstudien. Erstaunlicherweise ist Karajans Ansatz (ganz entgegen dem Breitklang-Klischee, für das sein Name bei vielen steht) ein durchaus kammermusikalischer. Schon zu Beginn fällt die Nuancierung, der Klangfarbenreichtum auf; das Deluxe-Rheintöchter-Trio aus Anna Reynolds, Edda Moser und Helen Donath ist vermutlich das klangschönste auf Schallplatte. Und die Hörner der Berliner sind an Subtilität kaum zu übertreffen, was Karajan mit diesem Orchester erreichte, beeindruckt doch immer wieder: Als Interpret mag er oft (hier nicht!) angreifbar sein, als Dirigent ist er es nicht. Ein Gegenentwurf zu Solti, aber im Ergebnis ebenso überzeugend. Der bislang unleugbare klangliche Vorsprung der Decca-Aufnahme dürfte sich mit Rainer Maillards neuem Mastering gegen Null verringern… – Wie immer bei dieser Reihe: Nicht auf die lange Bank schieben, wird schnell vergriffen sein…! (1968/2026)






