Rezension
Der erste Künstler, den Ray Charles 1962 für sein frisch gegründetes Tangerine-Label unter Vertrag nahm, war einer seiner Lieblingssänger – dessen Stimme freilich von seinem eigenen Organ kaum weiter entfernt hätte sein können. Denn Jimmy Scott war aufgrund eines genetischen Defekts nie in den Stimmbruch gekommen, vermutlich war er der einzige natürliche Countertenor der Jazzgeschichte. Wobei seine Stimmlage eigentlich die eines (weiblichen) Alts oder Mezzosoprans war. Er konnte jedenfalls die Seele berühren mit dieser Stimme, Charles war nicht der einzige Kollege, der ihn liebte; auch eine Ella Fitzgerald zählte zu seinen glühenden Fans. Fraglos hätte er ein Star sein sollen, und er wäre es geworden, hätte er Jahre zuvor nicht einen Knebelvertrag mit dem Musikmanager Herman Lubinsky unterschrieben. Der klagte nicht nur erfolgreich gegen Scotts Tangerine-Debüt, sondern auch gegen dessen nächstes Album auf Atlantic und ruinierte Scotts Karriere, der dann erst nach Lubinskys Tod in den 90ern ein Comeback feiern konnte. Was jener (Sinnbild des zigarrerauchenden, übergewichtigen Plattenbosses) verhinderte bzw. in diesem Falle vom Markt nehmen ließ (Originale sind entsprechend rar), sind einige der schönsten Vocal Jazz-LPs der Ära. In diesem Fall mit zartschmelzenden Orchesterarrangements von Gerald Wilson und Marty Paich. Ein Schatz. (1963/2026)






