Rezension
Man kann nicht behaupten, daß das US-Debüt der gefeierten jungen türkischen Pianistin (22 bei der Aufnahme) Idil Biret unter einem guten Stern stand: Unmittelbar vor Beginn des Konzertes wurden die Veranstalter über die Ermordung von John F. Kennedy informiert. Erich Leinsdorf ließ darauf spontan den Trauermarsch aus der "Eroica" spielen. Das Konzert sollte danach beendet werden, fand aber dennoch statt – ausgerechnet durch Intervention von Henry Cabot, ehemaliger US-Senator, der seinen Sitz wenige Jahre zuvor an den jungen Demokraten Kennedy verloren hatte und der damals Vorsitzender des Fördervereins des Boston Symphony Orchestra war. In seiner kurzen Ansprache an das Publikum erzählte Cabot vom Tag, als sein Vater starb – und er darauf ein klassisches Konzert besucht habe, um Trost zu finden. In dieser Situation ein Konzert zu spielen, noch dazu als ausländische Debütantin, ist keine leichte Aufgabe, es dürfte wohl der schwierigste Auftritt in Birets ganzer Karriere gewesen sein. Aber sie hielt es durch – und spielte ein außerordentlich bewegendes drittes Rachmaninoff-Konzert für ein unter Schock stehendes Publikum; eine Aufnahme, die bei all der gewaltigen Konkurrenz auf dem Tonträgermarkt außer Konkurrenz läuft. Der Rundfunkmitschnitt ist durchaus hifidel, freilich, wie damals im Radio üblich, in mono. Aber aus klanglichen Gründen wird man diese buchstäblich historisch zu nennende Aufnahme ohnedies nicht kaufen; hier geht es um ein sehr emotionales musikalisches Erlebnis. Das anwesende Publikum, war, man hört es im erlösenden Schlußapplaus, der jungen Musikerin sehr dankbar für ihre Leistung. – Erstmals gibt es dieses legendäre Dokument nun auf Vinyl, im Rahmen von Idil Birets (von ihr selbst kuratierter) Archiv-Serie! (2026, rec. 1963)






